Nachwuchs 16.04.2018 — 13:19 Uhr

Nachwuchs: Mentale Stärke fördern und Persönlichkeiten Stärken

Mathias Kleine-Möllhoff arbeitet als Sportpsychologe im Mainzer NLZ

Auch im Nachwuchsleistungssport nimmt die Bedeutung mentaler Kompetenzen und psychischer Ressourcen zu. Im Nachwuchsleistungszentrum von Mainz 05 arbeitet Mathias Kleine-Möllhoff ab der U15 sowohl individuell mit den Spielern, als auch mit den kompletten Teams zusammen. Im Interview spricht Kleine-Möllhoff über seine Aufgaben im NLZ der 05er, Leistungsdruck im Nachwuchsbereich und typische Themen, an denen er mit den Spielern arbeiten kann.

Hallo Mathias, Flo Müller hat gegen den HSV vor wenigen Wochen vor über 50.000 Zuschauern sein Bundesliga-Debüt gegeben, in einem sehr wichtigen Spiel. Wie hat er es geschafft, in dieser Situation und Atmosphäre solch eine Leistung abzurufen?

Kleine-Möllhoff: "Von außen betrachtet ist das immer schwer zu beurteilen. Grundsätzlich ist die Art und Weise, wie er diese Ausnahmesituation gemeistert hat, das, was ich unter mentaler Stärke bei Spielern verstehe. In einem Moment, in dem es gefühlt um alles geht, über neunzig Minuten sein Potential voll abzurufen und quasi fehlerlos ein Spiel dieser Intensität zu bestreiten, das zeugt einfach von Stärke. Es war ja kein „durchschnittliches“ Bundesligaspiel, sondern der HSV stand in einer maximalen Abstiegsbedrohung. Die Außenbedingungen waren also schon anspruchsvoll. Da als junger Spieler so ein abgeklärtes Spiel abzuliefern, das ist sensationell. Ein überragendes Zeugnis für seine mentalen Fähigkeiten als Torhüter."

Sind Leistungsdruck und mentale Stärke auch typische Themen, zu denen du mit den Spielern im NLZ arbeitest?

"Ja, Leistungsdruck ist ein Thema. Das muss man allerdings differenziert betrachten. In einigen Fällen geht es beispielsweise darum, mit den eigenen Erwartung umzugehen. Es gibt manchmal Unterschiede zwischen der Wunschleistung und der wahrgenommenen Realität. Da kann schnell Frustration entstehen. Das hemmt dann das Selbstvertrauen und die wahrgenommene Leistung wird noch schlechter. An diesen Themen kann man super mit Spielern arbeiten."

Welche weiteren Themen sind es, die die Spieler beschäftigen und mit denen Sie auch zu dir kommen?

"Alle Themen, die in irgendeiner Form die Leistung auf dem Platz beeinflussen. Wenn wir von mentalen Prozessen sprechen, kann das vieles sein, wie zum Beispiel Erholungs- und Belastungsfaktoren oder die Schlafqualität. Das können Spieler sein, die noch zur Schule gehen oder in Auswahlteams spielen und dadurch zusätzliche Trainingseinheiten und Spiele absolvieren. Diese Jungs merken dann, dass eine hohe Belastung und wenig Entspannung zu beispielsweise Konzentrationsproblemen führen kann. Aber auch an Motivationsthemen oder ganz allgemeinen Herausforderungen aus dem Alltag arbeiten wir. Es gibt diese kritischen Lebensereignisse. Die können positiv sein und mich wie eine Ressource stärken und stützten. Gleichzeitig gibt es aber auch Lebensumstände, die belastend sein können. Trennungen oder Verlust- und Angstsituationen, die im alltäglichen Leben entstehen können. Die dadurch entstandene Leistungsblockade aufzulösen ist dann eine meiner Aufgaben."

Kannst du das Thema der eigenen Erwartungen nochmal genauer definieren?

"Das ist ein typisch menschliches Problem. Wir haben eine Vorstellung davon wie unser Leben verlaufen soll und wenn es sich dann anders darstellt als geplant, ist man erstmal enttäuscht. Das ist bei den Spielern genau das gleiche. Unzufriedenheit und Frustration wirkt sich dann in irgendeiner Form manchmal schlecht auf die Leistungsfähigkeit aus. Wie erwarte ich meine Karriere als Leistungsfußballer? Was passiert, wenn ich nicht spiele, nicht in der Startelf stehe oder nicht im Kader bin? Wie gehe ich mit meiner Verletzung um, die mich in meiner Rolle in der Mannschaft zurückwirft? Mit Abweichungen von der Vorstellung umzugehen und in eine Balance zu bringen, daran arbeiten wir."

Wie erarbeitest du mit den Spielern gemeinsam Lösungsansätze zu diesen Themen?

"Das wird komplett individuell auf den jeweiligen Spieler abgestimmt, weil es immer um die einzelne Persönlichkeit und seine Erfahrungen geht. Gleichzeitig muss man aber auch immer den Kontext sehen: Was prägt gerade die Mannschaft des jeweiligen Spielers, wie ist das Momentum in dieser Gruppe?"

Gehen wir also vom individuellen Ansatz zu deiner Arbeit mit den Teams. Wie arbeitest du mit den Mannschaften zusammen?

"Methoden gibt es viele. Wenn man nachhaltig arbeitet, orientieren sich diese immer am Zustand der Mannschaft und an der aktuellen Situation. Was ist das Ziel, was wollen wir gerade bewirken? Es gibt verschiedene Phasen innerhalb einer Saison, die die Arbeitsinhalte ebenfalls prägen. Wir haben die Vorbereitung, in der vor allem Teambuilding-Einheiten im Vordergrund stehen. Dann über die Hinrunde und Rückrunde hinweg kann ich die Mannschaften zumindest aus sportpsychologischer Sicht dabei unterstützen sich miteinander weiterzuentwickeln."

Was passiert dann während und nach einer Saison?

"Es gibt innerhalb einer Spielzeit bestimmte Ereignisse, an denen man mit der Gruppe arbeiten kann. Das können kritische Spiele sein, Unstimmigkeiten, aber auch inwieweit wir unsere eigenen Erwartungen erfüllen, was läuft gut oder nicht so gut, wo haben wir noch Optimierungsbedarf? In der Teamentwicklung schaue ich mir die gruppendynamischen Prozesse an und begleite die Mannschaft mit systemischer Teamentwicklung bei Bedarf und situativ zu verschiedenen Themen."

Ab welchem Jahrgang arbeitest du hier im NLZ mit den Teams und Spielern zusammen?

"Wir fangen im Altersbereich der U15 an und intensivieren dann die Arbeit über die höheren Jahrgänge hinweg. Je älter Spieler sind, desto mehr eigene Themen haben sie erfahrungsgemäß auch an denen wir arbeiten können, beziehungsweise desto relevanter wird für Spieler die mentale Leistungsfähigkeit."

 

Einen ausführlichen Artikel zu unserem Sportpsychologen im Mainzer Nachwuchsleistungszentrum finden Sie auch im offiziellen Stadionmagazin "DER NULLFÜNFER" zum Heimspiel der Profi-Mannschaft gegen den SC Freiburg.

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