Profis 22.01.2023 — 14:30 Uhr

Noch nicht alles hat gepasst

Die Mainzer Verantwortlichen sahen nach dem 1:1 in Stuttgart in einigen Belangen Luft nach oben / Svensson: Entscheidend, am Mittwoch einen Schritt nach vorne zu machen

Leandro Barreiro hatte eine der besten Gelegenheiten der 05ER im ersten Durchgang.

Treffender hätte man den Wiedereinstieg in die Bundesligasaison nach der langen Pause nicht beschreiben können, als es Martin Schmidt unmittelbar nach dem 1:1 beim VfB Stuttgart am Sky-Mikrofon tat. "Jetzt weiß man, dass man immer noch nicht genau weiß, wo man steht", beantwortete der Sportdirektor des 1. FSV Mainz 05 die Frage, wie denn seine Standortbestimmung nach dem Unentschieden im Auftaktspiel des neuen Jahres in Stuttgart ausfalle. "Man hat gesehen, dass vieles noch nicht ganz passte. Am Ende ist es ein gerechtes Unentschieden und ein Punkt, den wir gerne mitnehmen", erklärte der 55-Jährige. Mit dem Remis in der Mercedes-Benz Arena haben die Rheinhessen, bei einem verbleibenden Hinrunden-Spieltag, nunmehr 20 Punkte auf dem Konto, wissen aber auch, dass sie schnell noch etwas draufpacken müssen auf ihren Leistungsstand. 

Stuttgart im ersten Durchgang "weitgehend neutralisiert"

Die Partie beim VfB zeigte, dass beim Team des FSV Luft nach oben bleibt, denn Cheftrainer Bo Svensson konnte mit der Vorstellung seiner Mannschaft nur phasenweise richtig zufrieden sein. Die 05ER hatten nach einer Anfangsphase, in der beiden Mannschaften eine Reihe von Stock- und Passfehlern unterliefen, die besseren Szenen. Etwa zehn Minuten benötigten sie, um sich aus dem gegnerischen Druck zu befreien und selbst initiativ zu werden. "Wir haben es in der ersten Halbzeit ganz gut gemacht, haben die Stuttgarter weitgehend neutralisiert und bis zum Gegentor keine Chance zugelassen", lobte Svensson. Die Schwaben hatten zwar oft den Ball, gefährliche Abschlüsse ließ die Gäste-Defensive jedoch kaum zu. "Wir selbst hatten ein paar gute Gelegenheiten. Das war okay", so der FSV-Coach weiter. Die Mainzer erarbeiteten sich zunehmend eine gewisse Kontrolle im eigenen Ballvortrag, die Strafraumszenen resultierten allerdings meist aus Standards. Ein gefährlicher Weitschuss von Leandro Barreiro war die beste Gelegenheit.

Kurze Unaufmerksamkeit führt zum Gegentor

Vieles im Spiel wirkte noch holprig. "Es hat viel mit fehlendem Rhythmus zu tun", sagte Schmidt. Nach der langen Pause kämen Abspielfehler und Unkonzentriertheiten vor, auch etwas Nervosität sei normal. "Doch in der ersten Halbzeit haben wir das, bis auf das eine Ding, gut verteidigt." Mit dem "Ding" meinte der Schweizer die 35. Minute, als der FSV den Ball mehrfach nicht entscheidend aus dem Strafraum zu befördern vermochte, woraus eine Doppelchance für den Gegner resultierte. Serhou Guirassy kam an die Kugel, scheiterte aber im direkten Duell zunächst an Finn Dahmen. 

Wir wussten, den Finn kannst du reinstellen.

Der 05- Keeper, der den unter Rückenbeschwerden leidenden Robin Zentner fehlerfrei vertrat, machte sich breit und wehrte den Schuss mit der Brust ab. "Ich glaube, die Jungs wissen, dass sie sich auf mich verlassen können", kommentierte der Torhüter die Situation. "Wir wussten, den Finn kannst du reinstellen. Man hat gesehen, dass er ein sicherer Rückhalt ist", fand auch Schmidt. Ein weiterer 05-Abspielfehler eröffnete den Gastgebern allerdings postwendend die nächste Möglichkeit und die 1:0-Führung. Diesmal schob Guirassy den Ball im Eins-gegen-Eins mit dem Keeper in die rechte Ecke und ließ Dahmen keine Chance.

Der Cheftrainer verglich seine Abwehrzentrale in dieser Situation mit einem Hühnerhaufen. "Wir haben den Ball mehrfach nicht geklärt, sondern versucht, am eigenen Sechzehner Fußball zu spielen. Das war unnötig und schlecht verteidigt", kritisierte Svensson. "Wir wollten es spielerisch lösen, aber vor dem Strafraum muss man den Ball lang wegschlagen", wusste auch Aymen Barkok, der ein insgesamt ordentliches Startelf-Debüt im 05-Trikot gab. 

Die Pressekonferenz nach #VfBM05

Eindeutiger Elfmeter sorgt für schnellen Ausgleich

Die Freude der Stuttgarter währte jedoch nicht lange. Als Barreiro drei Minuten später beim Versuch einen Ball im Strafraum zu erlaufen zu Boden ging, ließ Schiedsrichter Dr. Felix Brych zwar zunächst weiterlaufen, sein Griff ans Ohr zeigte aber, dass der Kölner Keller die Entscheidung für fraglich hielt. Und Brych marschierte bei der nächsten Spielunterbrechung prompt zum Monitor am Spielfeldrand. Was er dort sah, war eindeutig: Naouiroi Ahamada hatte Barreiro beim Abwehrversuch von hinten am Fuß getroffen. Klare Sache: Elfmeter. Marcus Ingvartsen verwandelte zum 1:1. Das fünfte Saisontor des Dänen sollte der letzte Treffer an diesem Nachmittag bleiben. "Das war so eine typische Szene. Felix hat es auf den ersten Blick nicht gesehen. In dem Fall ist es gut, dass es den Videobeweis gibt, sonst wäre dieser sehr berechtigte Elfer nicht gegeben worden", so der 05-Coach.

Doch es schien so, als hätte das schnelle Ausgleichstor eher die Stuttgarter als die Mainzer beflügelt, denn das Team von Bruno Labbadia kam wesentlich besser aus der Pause. "In der zweiten Halbzeit war Stuttgart die bessere Mannschaft. Vor allem in den ersten 20 Minuten hatten wir keinen Zugriff und Glück, dass wir nicht in Rückstand geraten sind", sagte der 05-Sportdirektor. "Wir hatten in dieser Phase Mühe, die Räume vor der Abwehr zuzukriegen. Die Pässe in den Rückraum wurden immer gefährlicher. Wir haben gesehen, dass vieles nicht passt." Die Mannschaft habe in dieser zweiten Halbzeit einen Tick zu sorglos verteidigt, habe mit dem Ball nicht sauber genug gespielt, um länger in Ballbesitz zu bleiben und die richtigen Räume zu bespielen, merkte Svensson an. 

"Weiter machen und vorne effizienter werden"

Der VfB schaffte es also zunehmend, die Mainzer Hintermannschaft vor Probleme zu stellen. Die 05ER brauchten im zweiten Durchgang hingegen eine Weile, um eigene Akzente zu setzen. Karim Onisiwo lief dann einen Konter gegen zwei Verteidiger, passte auf Barkok, der mit seinem 18-Meter-Schuss aber nur die Latte traf. Wenig später stellte Guirassy auch in Sachen Aluminium-Treffer den Gleichstand wieder her. "Ich hätte der Mannschaft gerne mit einem Tor geholfen", sagte Barkok nach der Partie, "aber ich gebe weiter Gas."

Die hohe Fehlerquote im Spiel betrachtete der Mittelfeldmann als verständlich. Nach 69 Tagen ohne Bundesliga müsse man sich erst wieder hereintasten. "Weiter machen und vorne effizienter werden", kennt Barkok die Marschroute für die nächsten Wochen.

Den Punkt zum Auftakt der Englischen Wochen abgesichert

Svensson stellte in der Schlussphase auf 5-4-1 um, brachte Jae-sung Lee für Ingvartsen, was dem Team insgesamt mehr Stabilität verlieh. Gegen den Ball kamen die 05ER dadurch zwar wieder besser ins Spiel, offensiv fehlte den Mainzern aber bei den Umschaltangriffen weiterhin der Punch, um noch mehr herauszuholen. "Wir wollten nachher nicht mehr viel riskieren, waren nicht mehr mutig genug im Spiel nach vorne. Vor allem über die Seiten", räumte der Sportdirektor ein und ergänzte: "Ab einem gewissen Punkt waren wir vielleicht auch irgendwo mit dem Unentschieden zufrieden."

Der Anfang ist mit diesem Punktgewinn also gemacht. Die Mainzer wissen aber zu Beginn der Englischen Wochen, inklusive des Heimspiel-Dreierpacks in der MEWA ARENA mit den beiden Bundesliga-Auftritten gegen Borussia Dortmund (Mi., 18:30 Uhr) und den VfL Bochum (Sa., 15:30 Uhr, hier gibt es Tickets für beide Spiele), sowie das Pokal-Achtelfinale gegen den FC Bayern am darauffolgenden Mittwoch (20:45 Uhr), dass sie eine deutliche Steigerung benötigen. "Für mich ist entscheidend, dass wir am Mittwoch einen Schritt nach vorne machen gegenüber diesem Spiel. Wir müssen da schon besser spielen und uns deutlich steigern", betonte Bo Svensson nach dem Restart.

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