Profis 08.06.2021 — 17:15 Uhr

Vor 25 Jahren: "Viererketten-Jünger" im Herzschlagfinale

In der Saison 1995/96 hielten die 05ER schon einmal sensationell die Klasse - dank Trainer-Entdeckung und Taktikrevolution

Torsten Lieberknecht (mi.) bejubelt seinen Treffer mit den Teamkollegen. IMAGO / Alfred Harder

 

Die Parallelen zur gerade beendeten Spielzeit sind unverkennbar: Vor 25 Jahren lieferte der 1. FSV Mainz 05 schon einmal einen Abstiegskampf für die Geschichtsbücher ab. In der Saison 1995/96 stand der FSV in der zweiten Bundesliga nach der Hinrunde auf dem letzten Platz und vor dem drohenden Abstieg in die Regionalliga. Doch mit der Trainer-Entdeckung Wolfgang Frank und einer Taktikrevolution gelang dank einer furiosen und zuvor nie dagewesenen Rückrunde noch der Klassenerhalt. Am 8. Juni 1996 feierte der FSV zusammen mit 12.000 Fans im von der Sonne und Atmosphäre wie selten zuvor aufgeheizten Mainzer Bruchwegstadion. Nach dem 1:0-Heimsieg gegen den VfL Bochum dank eines Tores von Marco Weißhaupt blieb der FSV in der 2. Bundesliga. 

Als im Dezember, kurz vor dem Weihnachtsfest des vergangenen Jahres 2020, der Anruf aus Mainz kam mit dem Angebot ,wieder bei Mainz 05 in der sportlichen Führung einzusteigen, gingen Christian Heidel in seinem Domizil auf der Balearen-Insel Mallorca gewiss viele Dinge durch den Kopf. Einer dieser Gedanken drehte sich um die Saison 1995/96. "Ich habe in der Tat häufig an diese Rückrunde gedacht, in der wir nach der Hinrunde Letzter und in der Rückrundentabelle Erster waren", sagte Heidel nun nach dem sensationellen Klassenerhalt in der gerade beendeten Saison 2020/21. "Die Erinnerung hat mir schon Mut gegeben, da ich wusste, solche Dinge kann es geben. Das hat in meiner Meinungsbildung eine Rolle gespielt, dieses typische Mainz-05-Gefühl", erinnert sich der Vorstand für Strategie, Sport & Kommunikation. 

25 Jahre Klassenerhalt - 05ER.TV

Frank übernimmt - eine Ära beginnt

Die Runde hatte 1995 mit Horst Franz, dem gefeierten Retter der Vorsaison, als Cheftrainer begonnen. Nach den ersten acht Partien stand Mainz 05 mit einem einzigen Punkt auf der Habenseite und ohne ein geschossenes Tor auf Platz 18 – und Franz war bereits wieder Geschichte, in einer Saison, in der lange alles schiefgelaufen war. Schon der Auftakt: Dem Jubel nach dem spektakulären Ausgleichstreffer von Stephan Kuhnert in der Nachspielzeit gegen Hannover 96 folgte schnell die Ernüchterung. Der DFB annullierte das 2:2 und wertete die Partie mit 0:2 gegen den FSV, weil Thomas Ziemer nicht auf der Spielberechtigungsliste gestanden hatte. Manfred Lorenz holte als Interimscoach am 9. Spieltag den ersten Sieg. 

Dann übernahm Wolfgang Frank. Mit dem damals 44-jährigen, der am 25. September 1995 seinen Dienst am Bruchweg antrat, begann eine Ära. Er avancierte zu der bis dahin größten Trainer-Entdeckung des noch jungen 05-Managers Heidel. Den neuen Coach kannte man zu dieser Zeit eher noch als Torjäger, der in 215 Bundesligaspielen 89 Treffer (überwiegend für Eintracht Braunschweig und Borussia Dortmund) erzielt hatte. Seine Vita als Trainer war unspektakulär: Glarus, Aarau, Wettingen, Winterthur in der Schweiz und Rot-Weiß Essen. 

Die erste Pressekonferenz mit Erfolgstrainer Wolfgang Frank (rechts neben dem langjährigen 05-Präsidenten Harald Strutz). IMAGO / Alfred Harder

Die Entstehung des 05-Fußballs

Bis zur Winterpause blieben die 05ER Tabellenletzter, dann krempelte der harte Arbeiter den Klub regelrecht um. Die größte Veränderung nahm er in der Winterpause vor. Frank verabschiedete sich vom alten Spielsystem und führte die Raumdeckung ein in einer 4-4-2-Grundordnung mit Forechecking, Pressing und aggressivem Umschaltfußball – bis heute die Basis des Mainzer Spiels. Zuvor hatten die 05ER, wie allgemein üblich, mit einem Libero gespielt, der je nach Situation als Ausputzer fungierte oder den Spielaufbau organisiert hatte. Unterstützt von zwei Manndeckern, die ihre Gegenspieler übernahmen und übergaben. Frank installierte stattdessen eine hintere Viererkette auf einer Linie, die ballorientiert verschob und verteidigte. Erstmals praktiziert wurde das Ganze in einem Testspiel beim 1. FC Saarbrücken, das die Mainzer mit 6:0 gewannen. "Seit diesem Tag waren wir Viererketten-Jünger", sagte Jürgen Klopp später einmal. 

An einem Mittwochabend Mitte Mai 1996 gewann der FSV sein Zweitliga-Auswärtsspiel beim Chemnitzer FC und nährte damit die Hoffnungen auf den dann tatsächlich gelungenen Ligaverbleib. Die Mainzer Startelf damals: Dimo Wache im Tor; die Viererkette mit Torsten Lieberknecht, Michael Müller, Peter Neustädter und Uwe Stöver. Im Mittelfeld Abderrahim Ouakili, Bruno Akrapovic, Lars Schmidt und Christian Hock. Vorne Sven Demandt und Thomas Ziemer. Das Besondere an dieser Aufstellung: Mit Ausnahme von Ouakili sind alle diese 05-Profis Trainer geworden. Der in der Halbzeit für Stöver eingewechselte Klopp sogar einer der weltweit bekanntesten Fußballlehrer überhaupt. 

 

Die Mannschaft der Saison 95/96 beim Teamfoto in der Augustinergasse. IMAGO / Alfred Harder

Nervenkrieg, Endspiel & grenzenloser Jubel

Aus den Veränderungen wurde ein Erfolgsrezept. Frank war es gelungen, aus dem Abstiegskandidaten Nummer eins die beste Rückrundenmannschaft zu formen. Am vorletzten Spieltag erlebte der gnadenlose Nervenkrieg eine erneute Steigerung. Die 05ER, Viertletzter mit 38 Punkten, mussten diesen Tabellenplatz in den letzten beiden Saisonspielen loswerden, sonst drohte die Regionalliga. Bis auf sechs Klubs waren alle Vereine in diesen Abstiegskampf involviert. Die Mainzer standen vor der schwersten Aufgabe, mussten ihre Punkte auswärts beim MSV Duisburg sammeln, der als Dritter selbst noch Punkte für den Aufstieg benötigte, und dann später im Finale zu Hause gegen den als Meister feststehenden VfL Bochum. "Man kann das Ganze auf einen einfachen Nenner bringen", sagte Frank, "wir dürfen keine Angst haben." Die 05-Trainer-Legende hatte bis dahin mit stoischer Ruhe eine der wichtigsten Regeln im Abstiegskampf befolgt und trotz heftigen medialen Drängens nie von Endspielen gesprochen. "Jetzt haben wir ein Endspiel", erklärte Frank der Mainzer Rhein-Zeitung damals vor der Reise nach Duisburg. "Wenn wir das gewinnen, schlagen wir auch die Bochumer."

Um 17.16 Uhr löste sich die Lawine im Bruchwegstadion

Mit einer grandiosen Vorstellung (Klopp: "Es hieß immer, im Abstiegskampf könne man keinen schönen Fußball spielen. Ich glaube, wir haben das Gegenteil bewiesen.") verließ Mainz 05 erstmals die Abstiegsränge und hatte die Rettung nun selbst in der Hand. Der Rest ist bekannt. "Um 17.16 Uhr löste sich die Lawine im Bruchwegstadion", schrieb die Rhein-Zeitung eine Woche später nach dem finalen 1:0 am Bruchweg. "Die Fans stürmten den Rasen. Die Anspannung, die Angst, die Unsicherheit der zurückliegenden Wochen entluden sich in einer Jubelorgie nie dagewesenen Ausmaßes: 12.000 Zuschauer feierten den Triumph einer Mannschaft, die es schaffte, Träume wahr werden zu lassen... Der 1:0 Sieg gegen den VfL Bochum bringt die 05ER sogar auf den elften Tabellenplatz." Weißhaupt war es, der mit seinem Tor in der 7. Spielminute in die 05-Geschichte einging. Der Stürmer sprintete nach einer Balleroberung aufs Tor zu, scheiterte zunächst am Torhüter, erwischte aber den Abpraller und vollstreckte zum Treffer des Tages am Bruchweg. Die sensationelle Erfolgsserie am Ende mit fünf Siegen und ohne Niederlage in den letzten acht Auftritten, war im Prinzip ein erster Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen 05-Ära.  

 

Geschichte wiederholt sich

Aus heutiger Sicht war sie vor allem das perfekte Vorbild für alle Abstiegskämpfe, die der FSV seitdem ausgefochten hat. Das Credo: Egal, wie aussichtslos die Situation auch erscheinen mag, man darf niemals aufgeben. So wie in dieser Bundesliga-Saison und einer Hinrunde mit nur sieben Punkten, nach der man sich im sportlichen Bereich mit Bo Svensson, Martin Schmidt und Heidel neu aufstellte, den "geilsten Abstiegskampf aller Zeiten" (Martin Schmidt) sowie gleichzeitig die beste Rückrunde der Vereinsgeschichte in der Bundesliga hinlegte. "Das war Mainz 05, ist Mainz 05 und muss Mainz 05 bleiben", sagte Heidel nach der überragenden Gemeinschaftsleistung. So, wie vor 25 Jahren. 

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